Simon Szustkowski

Ein Blog über alles, was mir gerade so durch den Kopf geht

Jul 15, 2010

E-Post? Nein, danke. [UPDATE]

Diesen Mittwoch hat die Deutsche Post ihr E-Post-System vorgestellt. Es soll das elektronische Äquivalent zum normalen Brief sein. Mit Zusatzservices, wie z.B. dass meine E-Post von der Post ausgedruckt, eingetütet, und wie bisher versendet wird. Auf Wunsch. Nicht, bevor hier wieder das böse “Internetausdrucker”-Wort in den Raum gestellt wird.

Unternehmen, wie jetzt z.B. schon SAP wollen dadurch Gewinnmaximierung betreiben, indem sie z.B. die Gehaltsabrechnungen ihrer Mitarbeiter elektronisch versenden. Ist ja äquivalent zur bisherigen Postzustellung.

Doch ist E-Post wirklich ein Dienst mit Potenzial? Ich habe im Laufe des Tages einige Überlegungen angestellt:

<ul><li>Die Post verschweigt auf ihrer Webseite beharrlich, dass für jeden E-Brief eine Gebühr anfällt, für 55 Cent kann man bis zu 20MB versenden. Wenn die Post wirklich rein elektronisch zugestellt wird, arbeitet an der Zustellung des Briefes ein normaler Mailserver maximal eine Sekunde lang. Die Mail muss ja nicht an andere Server weitergeleitet werden, sondern nur intern. Ich frage mich, wieso die 55 Cent, die ich normalerweise gerne bezahle, gerechtfertigt sind.</li>
<li>Kann ich auf das E-Post-Postfach weiterhin bequem per SMTP/IMAP zugreifen, oder muss ich dafür ein Webinterface nehmen, wo ich mich erst zurechtfinden muss, und das womöglich noch auf Flash basiert?</li>
<li>Die Post bietet an, E-Post für Adressaten, die noch kein E-Postfach haben, auszudrucken, und dann zuzustellen. Ich habe anfangs die Gehaltsabrechnungen von SAP erwähnt. Nicht jeder SAP-Mitarbeiter wird ein E-Postfach haben. Für mich als Mitarbeiter wäre es aber ein massives Datenschutz-Problem, wenn nicht mehr die Personalabteilung die Abrechnungen ausdruckt und versendet, sondern eine Fremdfirma (was die Post für das Verhältnis SAP zu Mitarbeiter nunmal ist) einen riesigen Datensatz Gehaltsabrechnungen kriegt, die dann (eventuell automatisiert) ausdruckt, eintütet, und weiter verschickt. </li>
<li>Weiteres im Datenschutz: Wie werden die E-Briefe auf dem Server der Post abgelegt? Wenn da wirklich rechtsverbindliche Dokumente verschickt werden, wer garantiert mir, dass nicht irgendein Admin der Post da mal unbemerkt reinschaut? Bei einem normalen Briefumschlag wird ein Siegel gebrochen, aber bei einer Mail?

Klar, die Mails liegen bei den großen, etablierten Mailprovidern auch unverschlüsselt, oder nur sehr rudimentär verschlüsselt rum, aber rechtsverbindliche Dokumente haben nunmal eine größere Brisanz, als Gruschelnotifications für SwEeTyBunniii16@gmx.de

<li>Sieht das System für die paranoiden Anwender unter uns wenigstens eine weitere Verschlüsselung auf einem niedrigeren Level vor? PGP oder sowas? Und wie macht die Post das dann, wenn der E-Brief ausgedruckt werden soll? </li>
<li>Werden die Mails in der Datenbank wenigstens für Menschen unlesbar gespeichert? Und wenn ja, wie? Nur billig Caesar-like codiert, oder wenigstens gescheit asynchron? Und wie ist das da wieder mit dem Ausdrucken und herkömmlichen Zustellwesen?</li>
<li>Was für eine Mailsoftware nutzt die Post? Quelloffene Dienste, wo der versierte Anwender selber prüfen kann, ob die Software ordentlich läuft, oder proprietären Mist, bei der bis auf die Herstellerfirma (die nicht zwingend die Post sein muss) keiner weiß, wie sie arbeitet? Oder wo Bugs sind?</li>
<li>Wieso muss eigentlich die Post das Rad komplett neu erfinden? Emails sind einer der ältesten Dienste des Internets, und es gibt auch bereits elektronische Signaturen. Viel effektiver wäre gewesen, wenn einfach normale PGP/GPG-Signaturen auch noch mal von staatlicher Seite approved werden würden. </li>
<li>Vor allem: Die E-Post ist nicht staatlich. De-Mail ist staatlich, aber das kommt irgendwann noch. Die Post behauptet nur, dass sie mit dem Dienst das Postgeheimnis befolgt, und fertig. Die Post ist aber auch nur ein Briefzusteller unter vielen. Was hindert mich daran, eben schnell einen Postfix aufzusetzen, und zu behaupten, ja, ich würde das Postgeheimnis befolgen, und fertig?</li>
<li>Wie sieht das aus mit Spam? Gibts dann bald die EinkaufAktuell und das Angebotsblatt vom Lebensmitteldiscounter um der Ecke in mein E-Postfach? Super.

Alles in allem stehe ich dem E-Post-Dienst sehr skeptisch gegenüber. Nicht, weil ich ein Internetausdrucker bin, sondern aus oben genannten Gründen. Auch wenn die meiste meiner Kommunikation am PC erfolgt, so freue ich mich doch immer wieder, wenn in meinem Briefkasten ein Brief aus Papier liegt. So ganz papierlos bin ich nicht. Ich finde Geburtstagskarten aus Papier einfach persönlicher als ein bunt blinkendes GIF. Ich guck mir Online-Rechnungen nur sehr selten an, zum einen, weil ich teilweise manuell auf der Webseite des Anbieters nachgucken muss, ob was neues da ist (z.B. Mastercard macht das so), zum anderen, weil gemailte Rechnungen nunmal häufig im Spamfilter landen, weil der auf Standard-Textbausteine trainiert ist. Und weil das Geld so oder so abgebucht wird, und ich da den Endbetrag auch nochmal sehe.

Ich präferiere, gerade aus Datenschutzgründen, und weil die Post da noch nichts offen gelegt hat, bei wichtigen, offiziellen Dokumenten, die die Hauptzielgruppe der E-Post sind, weiterhin den guten alten zweifach geknickten Brief im Umschlag mit Sichtfenster.

UPDATE: So, wie ihr sicherlich seht, hat dieser Artikel einige Kommentare mehr als sonst. Wenn ihr die Kommentare durchlest…nun, mittlerweile bin ich geneigt, auf KingDingALing zu hören, und habe daher den Ursprungstext gespoilert. Stattdessen werde ich hier im Laufe der nächsten Tage (bis der Hype, sofern vorhanden, wieder etwas verebbt ist) einige Links zum Them E-Post, und wieso ich sie nicht nutzen möchte, bereitstellen.