Simon Szustkowski

Ein Blog über alles, was mir gerade so durch den Kopf geht

Nov 23, 2010

Mein Umgang mit meinen Daten

Ich blogge. Seit mittlerweile über 5 Jahren.
Ich twittere. Seit 2,5 Jahren.

Ich nutze jeglichen anderen Scheiß. Sei es die Publizierung meiner Musikvorlieben, oder das Bekanntgeben meines Körpergewichtes im Internet. Ich habe einen recht seltenen Namen, meines Wissens nach bin ich der einzige exisiterende Mensch mit diesem Namen. Daher ist mein aktuelles Pseudonym auch recht eindeutig und lässt auf mich zurückschließen.

Ich veröffentliche meinen Standort. Auf Foursquare und Google Latitude. Und ich finde es geil.

Ich finds cool, mit verschiedenen APIs auf meine persönlichsten Daten zuzugreifen und sie zu verschmelzen und zu analysieren. (Gut, meine Penislänge ist nicht dabei, aber die ist auch nicht wirklich dynamisch).

Es mögen jetzt Leute geben, die jetzt aufschreien, wo denn meine Privatsphäre bleibt. Privat-Sphäre. Sphäre. Damals, als ich noch World Of Warcraft gespielt habe, konnte mein Paladin auch eine Sphäre erzeugen. Er war dann kurze Zeit unverwundbar. Die Spieler haben diese Sphäre verächtlich als Angstbubble bezeichnet. Angst.
Raumschiffe können auch Sphären erzeugen. Kraftfelder, die Raketenbeschuss standhielten. Ein dummer Nebeneffekt: Man konnte nicht mehr rausbeamen, und hat Energie verbraucht, sodass z.B. der Kaffee morgens nicht mehr warm wurde. Abgekapselt. Sinnlose Kraftvergeudung.

Wenn ich Leute so schimpfen höre, wo denn die Privatsphäre bleibt, wundere ich mich, wieso sie trotzdem in Jeans und T-Shirt und angeschaltetem Bluetooth am Handy rumlaufen, und keine Burka tragen. Zu viel falsch angewendete Sphäre kann auch nach hinten losgehen. Siehe Google Street View. Während die coolen Kinder auf Streifzug durch die Welt ziehen, um wenigstens virtuell mal vor dem Taj Mahal stehen zu können, sind die ganzen anderen Leute verbittert hinter ihren Milchglasscheiben, und ärgern sich, dass sie sich damals für das Haus und nicht für den alten, getarnten Atombunker entschieden haben.

Ich möchte am Leben teilhaben. Und verhalte mich entsprechend, in Jeans und T-Shirt. Ich trage keine Burka. Da nimmt man mich nämlich nicht richtig wahr. Und ich möchte wahrgenommen werden, möchte der Welt zeigen, dass ich existiere. Und die Zugriffszahlen auf meinem Blog, die ganzen Favs und RTs, die ich bekomme, die sind genau so geil, wie damals, als man auf dem Schulhof war, und die anderen auf der Bank zusammengerückt sind, damit du dich neben sie setzen konntest. Den einen komischen Streber, mit dem Gameboy in der Hand da in der Ecke, wie hieß der noch gleich? Die paar Sätze, die man mit ihm wechseln kann, helfen nicht, ihn kennenzulernen. Und spätestens 5 Jahre nach dem Abi, auf dem ersten Klassentreffen, wundert man sich, wer diese Person da ist.

Ich gehe selbstbewusst offen mit meinen Daten um. Klar, nur mit Daten, bei denen ich das wirklich will. Ob mich wer am Handy fragt, wo ich gerade sei, oder ob er gerade auf Google Latitude nachguckt, ist für mich kein Unterschied. Was ich abends, bei abgeschaltetem Rechner alleine unter der Bettdecke mache, ist weiterhin meine Sache. Das würde eh keiner wissen wollen.

Wissen wollen. Genau. Ich als Individuum mache bei einer approximierten Weltbevölkerung von 7 Mrd. Menschen ungefähr 0,000000001% dieser Menschenmasse aus. Ich war weder in Afghanistan, im Irak, in Pakistan, noch habe ich gegen den Castor demonstriert. Wieso also sollte sich eine wildfremde Person für mich interessieren? Wieso nicht für die anderen 99,999999999% der Menschheit? Die einzigen, die sich vielleicht mal meine Daten im Internet angucken, sind meine Freunde. Und die wussten auch vorher schon, wo ich gerade stecke, was ich mache, ob ich unrasiert bin, oder ob mir die Currywurst vorm Bahnhof schmeckt. Und wenn ich trotzdem was habe, was wirklich privat ist, dann lasse ich es auch privat. Schreibe eine Email. Nutze Instant Messaging. Von mir aus auch mit Verschlüsselung, aber immer mit Signatur.

Hardware, zu der nur ich physischen Zugang habe, erachte ich als sicher. Ich habe meine Festplatten nicht mit 7 verschiedenen Krypto-Algorithmen gesichert. Wozu auch? Wenn Leute bei mir einbrechen, gibt es wertvollere Sachen als meine Festplatten. Ich speichere Daten in der Cloud. Wieso auch nicht? Bei dem meisten Zeug ist es mir eh egal, ob sie gelesen werden oder nicht, ein paar Sachen publiziere ich nochmal extra auf diesem Blog, weil ich wirklich will, dass sie gelesen werden. Und bei allem anderen: Hergott, ich bin einer von tausenden Usern. Wenn da wirklich jemand an meine eingescannten Personalausweiskopien kommt…toll. Er weiß, dass es jemanden gibt, der so heißt, und so aussieht wie ich. Und dann? Ich bin weder reich, noch berühmt, noch gefährlich, noch besonders anders attraktiv. Im Netz bin ich eine graue Maus. Außer in meinem Freundeskreis. Aber wieso sollte ich meine Grauheit noch besonders schützen? Lohnt sich doch nicht. Interessiert doch keinen.

Anders aber ist die erzwungene Sichtbarmachen von obrigen Stellen. Habe ich vorher die Burka abgelegt, um allen zu zeigen, “Hey, seht her, ich bin der Simon, und ich trage heute ein Bandshirt”, so sind Sachen wie Vorratsdatenspeicherung, Lauschangriff, etc. quasi die brutale Anordnung, komplett Nackt rumlaufen zu müssen. Und ich habe bereits betont: Was ich abends unter der Bettdecke mache, ist meine Sache.

Ich bin kein Exhibitionist. Ich bin kein Aluhutträger. Ich bin skeptisch, aber nicht paranoid. Ich bin von neuer Technologie begeistert. Ich nutze sie weise. Oder weil’s geht. Vor allem aber nutze ich sie, ohne in ein Extrem zu verfallen. Ich vertraue Technologie nur bedingt. Nutzer von Diensten, die besonderen Datenschutz versprachen, z.B. VZnet, sind bei den bekanntgewordenen Schwachstellen voll auf die Nase geflogen. Weil sie eben der Technik vertraut haben. Nutzer von Twitter, die sich der Weltöffentlichkeit preisgeben, haben diese Erfahrung noch nicht machen müssen.
Der beste Weg zum Datenschutz ist man selbst. Man sollte aber im Hinterkopf behalten, dass Schutz nicht bedingungsloses Wegsperren bedeutet. Da ist es, wie mit einem wertvollen Schmuckstück. Bleibt es immer nur im Safe, dann nützt es keinem was. Es muss auch mal herausgeholt, herumgegeben und bewundert werden. Denn sonst bleibt es ein Nichts.

Genau so wenig möchte ich ein Niemand bleiben.

Vielen Dank.