Simon Szustkowski

Ein Blog über alles, was mir gerade so durch den Kopf geht

Sep 10, 2013

50 mal Arschloch

Diesen Text habe ich bereits heute morgen geschrieben, daher die seltsamen relativen Zeitangaben.

Ich wohne in Dortmund in nicht der besten Gegend. Sie ist regional als sozialer Brennpunkt mit hohem Ausländeranteil und teilweise mafiöser Kriminalität berüchtigt. Da bekommt man als Außenstehender glücklicherweise nicht viel von mit, und als Student profitiert man von den günstigen Mieten und dem teils recht interessanten Milieu.
Leider begünstigt die soziale Schwäche auch offenbar den Konsum von Drogen. Zwei Straßen weiter hat sich ein Hot Spot für Alkoholiker gebildet, die dort zu jeder guten Stunde sitzen, und ihr Bier trinken.
Leider bleibt es aber nicht für alle bei Alkohol. Wir haben vor dem Hause eine U-Bahn Station, auf dessen Treppen, die durch eine Überdachung vor dem Wetter geschützt sind, einige Gestalten auch offenbar härtere Drogen konsumieren. Häufig kommt es vor, dass ich morgens auf dem Weg zur Arbeit, bevor die Putzkolonnen da durch sind, Feuerzeuge oder verrußte Alufolie oder verrußte Löffel finde. Jeder, der schon einmal “Wir Kinder vom Bahnhof Zoo” gesehen hat, kann 1 und 1 zusammenzählen, und sich ausmalen, wofür diese Utensilien benötigt werden. Spritzen habe ich allerdings noch keine gefunden.

Es war vor anderthalb Jahren auch eine Erfahrung für mich, aus der Ubahn zu kommen, und dort auf der Treppe manchmal ziemlich fertig aussehende Leute zu sehen, die ihren Konsum gerade vorbereiteten. Aber was soll man da machen? Die haben bestimmt schon genug private Probleme, dass es nicht viel bringen dürfte, jetzt die Cops zu rufen, und ein Bekannter, der beim ASB sein Ehrenamt vollführt, hat mir dementsprechend gesagt, dass es auch nichts bringt, den RTW zu rufen, wenn die Konsumenten noch “normal” sind, wenn man da noch irgendwie von normal sprechen kann. Vermutlich also im Sinne von ansprechbar, lebend, und ihren Konsum vorbereitend. Selbstverständlich hört das “Normalsein” genau dann auf, wenn sie nicht mehr ansprechbar sind.

Soviel zur Vorgeschichte. Es ist eine nicht gerade angenehme Situation, aber wenn man die da ihr Zeug machen lässt, und sie in Ruhe lässt, und sie einen selbst auch in Ruhe lassen, ist das noch irgendwie tolerabel.

Bis auf heute morgen. Es ist gerade eine Stunde her, als ich aus dem Haus komme, und die Ubahn zur Arbeit nehmen will. Auf dem Weg zum Treppenabgang sehe ich bereits zwei Leute oben am Absatz stehen. Das ist nichts seltenes, in der Ubahn Station ist Rauchverbot, und es stehen häufiger noch Leute am Absatz oben und rauchen zu Ende. Ich gehe also an ihnen vorbei, und beginne die Treppe hinabzusteigen. Nach einigen Stufen sehe ich, dass weiter unten auf der Treppe jemand liegt. Augen geschlossen, ziemlich abgewrackter und zerlumpter Eindruck. So wie der aussieht, liegt der schon länger da.
Aufgrund der geschilderten Situation an der Station denke ich natürlich zuerst an Drogen, und hab schon die Hand am Handy in der Hosentasche, während ich mich zu den beiden Leuten umdrehe, die einige Stufen über mir stehen.
Sie nicken mir zu, und beruhigen mich, dass sie bereits den Notruf abgesetzt haben, und der RTW unterwegs sei. Ich vergewissere mich, dass ich richtig gehört habe, denn eigentlich bin ich ja da in der Station, weil ich ja auch irgendwann meine Bahn zur Arbeit nehmen möchte.
Ja, doch, der Notruf ist getätigt, und von weiter weg höre ich auch schon das Martinshorn. Ich will mich umdrehen, um an dem Opfer vorbei in die Station weitergehen, als sich die eine Passantin oben bei mir bedankt. Sie hat sich bei mir bedankt, dass ich überhaupt inne gehalten habe. Ich sei der erste, an diesem Morgen, der das getan hätte. Im morgendlichen Berufsverkehr scheinen wohl viele Leute, laut ihrer Aussage um die 50, einfach an dem Typen vorbeigestiegen zu sein. Die Treppe ist relativ breit, da geht das, und außerdem läuft direkt nebenher noch eine Rolltreppe.

Und das ist, was mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht. Natürlich ist ein Drogenopfer, was da so rumliegt sicherlich nicht so appetitlich wie eine gestürzte ältere Dame, und ich kann auch voll nachvollziehen, dass selbst die beiden Passanten bei dem Typen keine Erste Hilfe geleistet haben. Da hätte ich auch Angst gehabt, dass der dann ggf aufwacht, und verwirrt oder aggressiv ist, und gerade wenn Drogen im Spiel gewesen sein könnten, die man per Injektion konsumiert, weiß man nicht, ob der irgendwie noch irgendwo irgendein Besteck hat, was unsauber ist, und er das als Waffe einsetzt oder wasweißich. Kann ich alles nachvollziehen, dass man erstmal Abstand hält.

Aber das 50 Leute diese Treppe hinabgehen, und in heutiger Zeit mindestens 49 davon ein Handy bei sich tragen, und dass diese 50 Leute an dem Typen vorbeisteigen, und es nicht mal für nötig halten, den Rettungsdienst zu alarmieren, das will nicht in meinen Kopf.

Klar, man ist eventuell in Eile, und will die Ubahn noch erreichen, aber nach der ersten Treppe kommt noch eine Verteilerebene, dann eine zweite Treppe, und dann erst der Bahnsteig. Da braucht man eine gewisse Zeit, um ganz runterzukommen. Das müsste doch locker reichen, um eben schnell anzurufen. Ich bin mir relativ sicher, dass der Rettungsdienst Verständnis dafür hat, wenn man in Eile ist, und nicht wartet, bis der RTW da ist. Hauptsache, es sagt überhaupt jemand Bescheid. Vor allem, weil dieser Treppenzugang eindeutig beschreibbar ist, und der Typ da so lag, dass ein Sanitäter ihn auch ohne weitere Einweisung finden würde.

Ich versteh das nicht.