Simon Szustkowski

Ein Blog über alles, was mir gerade so durch den Kopf geht

Jun 2, 2015 - IT

Google Photos - Noch etwas unausgereift

In den letzten Tagen habe ich mich etwas eingängiger mit Google Photos beschäftigt. Die Versprechungen waren einfach zu gut. Quasi unlimitierter Backupspeicher, einfacher Sync, so etwas wie Gmail, nur für Fotos.

Zunächst sei gesagt: Ich habe viele Fotos. In den letzten 14 Jahren sind es knapp 20.000 Stück geworden, die ich zuvor über Apple iPhoto/Aperture und dem Foto Stream gemanagt habe. Da mir die dortige Lockdown-Datenbank-Lösung nicht gefiel, liegen meine Fotos mittlerweile wieder nach Events in Ordnern sortiert auf meinem Dateisystem, und mit diversen Browsern manage ich sie. Neue Fotos erstelle ich mittels einer Kompaktkamera, einer Spiegelreflexkamera und meinem Handy. Die Fotos der “Offline-Kameras” werden dann an meinem Desktop von der SD-Karte kopiert, und weiterbehandelt, die Fotos von meinem Handy habe ich in den letzten Jahren über Apples Fotostream (die Cloud) synchronisiert. Wie von Apple gewöhnt, bekommt man die Daten aber nur mit Applewerkzeugen in die Cloud rein, und auch nur damit wieder da raus, was mir nicht mehr gefiel.

Die aktuelle Situation ist also: Ich habe einen Haufen JPG und RAW-Dateien auf meinem Computer, und einige JPG-Dateien auf meinem Handy. Die sollen nach Möglichkeit alle sowohl auf allen potenten Geräten zugreif- und editierbar sein, als auch in der Cloud liegen, um sie zu sharen. Wohlan, also frisch ans Werk und getestet. Hier sind die Ergebnisse, die mir auffielen:

  • Google wirbt damit, dass man seine Bilder nie mehr bei Dropbox, Facebook, Flickr, Instagram, etc. hochladen müsse, sondern Google Photos einfach reicht. Ärgerlicherweise gibt es keine Möglichkeit, seine Bilder, die schon in einem dieser Dienste liegen, zu importieren. Einzige Möglichkeit: Ein manueller Takeout (sofern vorhanden) und ein Re-Sync zu Google. Meh.

  • Google Photos ist offenbar auch in der Lage, RAW-Dateien zu verarbeiten. Sie werden automatisch entwickelt, und online angezeigt. Irgendeinen Einfluss auf den Entwicklungsprozess hat man nicht, weshalb der ganze Weg über RAW-Dateien ad absurdum geführt wird.

  • Bilder auf Google Photos werden nach EXIF-Daten sortiert angezeigt. Bilder mit falschem Datum kann man bearbeiten, allerdings immer nur ein Bild auf einmal. Einfach alle falsch getaggten Bilder löschen und erneut hochladen funktioniert nicht, weil der Uploader eine interne Datenbank hat, in der das Bild schon als hochgeladen markiert wurde, eine korrigierte Version wird also nicht erneut synchronisiert.

  • Diese Datenbank komplett zu entfernen, ist keine Option, weil die Cloud keinerlei Duplikatscheck durchführt. Dupliziere ein Bild in einem Ordner 2 Millionen mal, mit aufsteigender Nummer im Dateinamen oder so, und der Uploader lädt freudig 2 Millionen identische Bilder hoch.

  • Ich musste also meine gesamte Onlinesammlung mehrmals komplett resetten. Das geht nicht so einfach über einen Button oder eine Kombination a la Strg-A Delete, sondern man muss über eine Kombination aus Shift+Click das erste und letzte Bild markieren, und die Bilder dazwischen werden ausgewählt. Nun kann man sie löschen.

  • Manchmal jedoch wurden die Bilder dazwischen einfach nicht ausgewählt. Es lag definitiv nicht an einer nicht gedrückten Shift-Taste, da die Grenzbilder ja ausgewählt wurden, sondern vermutlich daran, dass das Ajax in meinem Browser gerade einen Furz quer sitzen hatte. Man weiß es nicht. Wohlgemerkt, ich nutze Google Chrome. Wenn ein Browser also top mit Google Webservices zusammenspielen sollte, dann der.

  • Möchte man mehr als x Bilder (bei unbekanntem x, vermutlich in der Nähe von 1000) auf einmal löschen, kommt nur eine lapidare Meldung “Bilder konnten nicht gelöscht werden”. Wieso? Keine Ahnung. Einzige Lösung: Weniger Bilder auf einmal löschen. Dabei sagt die Hilfe explizit, dass man das erste und letzte Bild anwählen soll, und dann klappt das schon.

  • Google Photos ist zumindest für Ordnungsfetischisten ebenso ein Datensilo wie die iCloud. Man kann über den Google Drive Client zwar seine gesamten Fotos wieder auf seinen Desktop spiegeln, allerdings ohne jegliche Ordnerstruktur. Die Fotos werden lediglich nach Jahr in Ordner abgelegt. 20.000 Fotos in 14 Ordnern in meinem Fall. Na prost Mahlzeit!

  • Sollte man dennoch so bekloppt sein, und seinen Bilderbrowser offline auf dieses Archiv verweisen lassen, kommt man sich mit seiner ursprünglichen Sammlung in die Quere, schließlich sind da ja die gleichen Bilder noch mal drin, nur besser sortiert. Lässt man das außer Acht, und nimmt nur noch den Drive-Export als Primärordner, und verweist dann das Backup-Tool auf ebenjenen Ordner, gibt es eine tolle Upload-Feedbackschleife. Neue Bilder werden durch den Backuper in die Cloud hochgeladen, durch Drive wieder in das Verzeichnis gesynct, was der Backuper monitort, allerdings mit inkrementiertem Dateinamen, der Backuper erkennt es als neues Bild, und lädt es erneut hoch. Repeat. Mit einem genügend großen lokalen Laufwerk kann man da bestimmt tollen Unsinn mit betreiben.

  • Generell ist Photos gar nicht so eigenständig. Durch die enge Verzahnung mit Drive und der immer noch vorhandenen Verknüpfung mit G+ entstehen seltsame Seiteneffekte. Getrennte Hilfeforen gibt es schon mal gar nicht.

  • Werfen wir jetzt noch Picasaweb in den Topf, wird die Verwirrung perfekt. Auf Photos angelegte Kollektionen werden als Album ohne Inhalt nach dem alten Picasaweb, was unter dieser URL immer noch zu erreichen ist, synchronisiert. Da noch irgendwie Ordnung zu halten wird immer schwerer, weil immer irgendwo noch Altlasten liegenbleiben. Hinzu kommt das Picasa-Desktopprogramm, was zwar an sich noch irgendwie gut ist, aber de facto Abandonware ist. Es zeigt weiterhin die Picasaweb-Alben an, synchronisiert die Bilder über einen Uploader aber zu Google+, kann aber selbst nicht wieder gescheit von Google+ importieren.

Fazit ist: Als reiner Upload- und Backupdienst von schon lokal perfekt editierten Dateien mag Photos ausreichend sein. Zum Sync von Handyfotos auf den Desktop, Bearbeiten und erneutem Hochladen leider nicht. Der Web-Only-Approach von Google wird auch vereitelt durch ein teilweise verbuggtes Interface und diese Alibi-Exportfunktion von Drive. Für den normalen User, der eh nur noch mit dem Handy fotografiert, ist der Dienst mit Sicherheit mehr als ausreichend. Für alle anderen nicht.

Ich verstehe nicht, wieso die großen Onlinefirmen keine Lösung für sogenannte Power-User mehr herstellen. Ich brauche keine ultradünnen, vergoldeten Notebooks und Quasidemos von “Guckt mal alle her, wie gut wir Ajax können”, sondern Hard- und Software, die funktioniert.

Bezüglich meines Workflows ab jetzt…ich werde meine Handyfotos vermutlich über Dropbox oder Amazon Web Drive auf meinen Desktop synchronisieren, dort wie auch immer verwalten, und dann alle Bilder von da in die Google-Cloud schmeißen. Oder so. Ich habe mir da noch keine wirklichen Gedanken gemacht.

Oder aber - Handyfotos sind ja meistens eh nur Schnappschüsse, die nicht nachbearbeitet werden. Also einfach mal alles auf Google Photos kippen, auch die Bilder frisch von der Kamera, und die nachbearbeiteten Perlen kommen dann wieder auf Portal X, wo sie dann Beachtung finden. Widerspricht zwar dem Versprechen von Google “Eins für alles”, aber dann ist das halt so.