Simon Szustkowski

Ein Blog über alles, was mir gerade so durch den Kopf geht

Mar 17, 2016

Mit Vollgas vor die Wand

Herbst 2015: Nach kurzem, sehr frühen Schneefall zeichnet sich so langsam ab, dass dieser Winter, genau wie die letzten Jahre, relativ warm werden wird.

Gleichzeitig beginnt das Mittelalterlich Phantasie Spectaculum (MPS) mit dem Rühren einer Werbetrommel für den neuen Mittelalter-Weihnachtsmarkt in einem Dortmunder Stadtpark. Erstmalig findet der Markt in Dortmund statt, nachdem die Veranstaltungsfläche der Vorjahre in Telgte zu klein geworden ist. Man kleckert nicht, sondern klotzt gleich aufs Ganze. Fast 3mal so groß, mit riesiger Bühne, kubikmeterweise Glühwein, 6 Wochen, grandioser Logistikaufwand - der Veranstalter träumt von einem Winter-Wonderland mit eisigen Temperaturen, Frost, Schnee und Weihnachtsromantik. Vorsichtige Stimmen auf der Facebook-Fanseite, dass im Advent in Deutschland ja eigentlich noch Herbst ist, und Schnee im Herbst ja eher so eine Sache ist, werden großspurig abgetan. Das wird schon. Außerdem - 30 Bands, riesiger Aufwand, FETTE Party. Und am Donnerstag und Sonntag sogar freier Eintritt. Dass das eine Premierenveranstaltung ist, und sich erstmal etablieren muss - egal. Das klappte in Telgte SO gut, das MUSS hier einfach noch GRößER, FETTER, GEILER werden.

Ab Mitte November dann der Aufbau. Ich war selbst einen Tag als Aufbauhelfer dabei. Die Mannschaft stönt, weil die riesigen Rasenflächen aufgeweicht sind - normal für den Spätherbst, wo die Ausläufer der großen Herbststürme auch das Ruhrgebiet erreichen, und viel Regen runterkommt. Dennoch werden großbereifte Radlader durch die Wiesen geprügelt, und auf dem Bereich vor der Bühne großflächig Hartgummimatten verlegt, damit die zu erwartenden gigantischen Besuchermassen nicht versinken. Als ich am Abend nach Hause komme, haben meine Hose und meine Stiefel ein tolles Wacken-Gedächtnis-Dekomuster. Schlamm bis zu den Knöcheln, Schlammspritzer bis über die Knie.

Erstes Adventswochenende, ich bin als Gast auf dem Weihnachtsmarkt. Die Atmosphäre ist wirklich toll, fast wie im Film. Welcher Film? Vermutlich I Am Legend. Vielleicht insgesamt 200 Besucher tummeln sich auf einem 4 Hektar großen Gebiet. Die Händler sind skeptisch, irgendwie bleibt der Umsatz aus. Ich bin auch skeptisch, verglichen mit den Vorjahres-Eintrittspreisen in Telgte waren die Preise dieses Jahr knapp 60% höher. Auf der Facebookseite des MPS macht sich erste Verwirrung breit. Wo bleiben denn die ganzen Besucher? Man hat doch extra eine so große Fläche vorbereitet (und mittlerweile die Grasnarbe total verhunzt), und durchaus viel Werbung gemacht. Man vertröstet sich - es ist ja noch Monatsende, die Leute haben noch kein frisches Geld auf dem Konto, das wird schon noch. Zumindest der Adventssonntag ist gut besucht. Skeptische Dortmunder kommen trotz Mistwetter aus ihren Wohnungen gekrochen, und beäugen den Weihnachtsmarkt - kein Problem, der Eintritt ist ja frei.

Doch am Montag und Dienstag nach dem Adventswochenende trifft ein besonders starker Sturm das Ruhrgebiet, und richtet Chaos auf dem Veranstaltungsgelände an. Zelte und fliegende Bauten, die für Sommer-Schönwettermärkte konzipiert wurden halten dem Wind nicht stand, fliegen durch die Gegend - die Crew hat alle Hände voll zu tun, um den Markt wieder herzurichten.

Die Stimmung auf der Facebookseite geht langsam ins panische über. Man beschließt kurzerhand, die freien Eintritte an den Donnerstagen und Sonntagen zu kippen, und stattdessen einen “Kulturbeitrag” von wenigen Euro einzuführen, weil irgendwie nicht vorhergesehene Mehrkosten dazu kamen - und der erhoffte Frost und Schnee immer noch ausbleiben. Die großzügig aufgehängten Plakate, die für freien Eintritt werben, bleiben aber hängen. Die Fans auf Facebook sind nicht wirklich begeistert, aber verzeihen recht schnell.

Die restlichen Wochenenden verlaufen normal. Kurz nach Silvester wird verkündet, dass der Weihnachtsmarkt insgesamt 1,2 Millionen Miese gemacht hat, und die Händler sehr ungehalten sind, weil kaum Umsatz generiert wurde. Deswegen sei man nun generös, und überlasse es den Händlern selbst, wieviel Standgebühren diese nun zu zahlen bereit seien.

Der Markt wird abgebaut, und man erwartet einen Bescheid der Stadt, wieviel die Herrichtung des Stadtparks durch eine Landschaftsbaufirma denn kosten wird. Die Dortmunder Bürger wollen im Frühjahr ihre Freizeit ja nur ungern in einem Park verbringen, dessen Grünanlagen momentan eher eine Hommage an die Schlachtfelder des ersten Weltkrieges sind.

Fast Forward zum gestrigen Abend: Auf der Facebookseite erscheint ein Post, der zur Rettung des MPS aufruft. Man habe einen Bescheid der Stadt bekommen, und stünde nun zu 85.000€ in der Kreide. Die Fans mögen doch bitte spenden. Spendenquittung gäbe es nicht, wozu auch, nur die latente Drohung, dass man ansonsten den Weihnachtsmarkt in Dortmund nicht wiederholen wolle/könne/werde. Nein, die 85k seien völlig unerwartet gekommen, man hätte ja auch wirklich Pech mit dem Wetter gehabt, und so groß übertrieben sei der Markt ja auch nicht gewesen, das ist alles noch in vertretbarem Rahmen.

Ich sitze seit gestern Abend entgeistert lachend vor Facebook, und wundere mich, was das jetzt soll. Da geht man ernsthaft davon aus, im Hochherbst schon Schnee und Frost zu bekommen (der in Deutschland eher im Winter, also im Januar kommt), und auch wie selbstverständlich davon aus, dass eine Premierenveranstaltung, die in Dortmund kein bisschen etabliert ist, ab der Stunde 0 gleichermaßen stark frequentiert ist, wie die etablierten Vorgängerveranstaltungen in Telgte (die zugegebenermaßen gut besucht waren), und legt in einem Anfall von…Größenwahn? noch mal eine Schippe mehr Klotzmasse drauf, und macht den Markt noch größer, fetter, und fast schon übertriebener - und merkt am Ende, dass es hinten und vorne nicht gepasst hat, und verlangt, dass die Gäste, die vermutlich pro Wochenende und 2-3-köpfiger Familie schon einen niedrigen dreistelligen Geldbetrag auf dem Markt gelassen haben, noch mal mehr Geld drauflegen?

Die Fans beweisen wieder einmal mehr, dass sie die Rolle der kopflosen Fanboys wunderbar übernehmen können, und überweisen gerne und freiwillig Einzelbeträge von bis zu 500€, ärgern sich über die Stadt Dortmund, wie sie es denn nur wagen könnte, solch einen enorm hohen Betrag zu fordern, schließlich hätten DIE ja auch das schlechte Wetter vorhersehen können, und überlegen sogar, freiwillig ehrenamtliche Hilfstrupps zu bilden, die dann den Park in Eigenregie wieder “herrichten” sollen.

Das ist alles irgendwie sehr absurd. Da ist eine Veranstaltungsfirma, die die Preise in den letzten Jahren immer mehr angezogen hat, sodass man zu Spitzenzeiten pro Wochenende fast 50€ pro Person zahlen muss, um den Markt überhaupt nur betreten zu dürfen (hinzu kommen die Nahrungsmittel- und Händlerpreise), die sich offenbar bei diesem Weihnachtsmarkt mächtig kalkuliert hat. Doch anstatt vorher eine Schlechtwetterversicherung abzuschließen (wie es vermutlich das W:O:A letztes Jahr gemacht hat, die es noch viel heftiger getroffen hat), zeigt man nur mehr, dass man es irgendwie nicht wirklich drauf hat, aber die Fans das schon irgendwie richten werden.

Addiert man nun noch die Tatsache, dass kritische Posts der Fans, die nicht ungefähr “Shut up and take my money” als Inhalt hatten, systematisch vom Administrator der Facebookseite entfernt werden, bleibt unterm Strich ein Geschmack zurück, der das MPS insgesamt noch schaler wirken lässt, als so schon (nicht zuletzt hervorgerufen von großflächig beklebten pinken VW Tuaregs, die im Eingangsbereich des Marktes standen, mit einer riesigen Kuh auf dem Dach, und wo man sich fragt, was das noch mit Weihnachten oder Mittelalter(phantasie) zu tun hat).

Ich habe ehrlich gesagt, keine Lust mehr darauf. Das MPS ist zwar nett, aber mir in den letzten Jahren vom Preis-Leistungs-Verhältnis schlichtweg zu teuer geworden, und diese “Wir habens verkackt, aber die Fans zahlen das schon”-Attitüde finde ich jetzt vollends daneben.

Stattdessen werde ich (zumindest dieses Jahr) lieber andere kleinere Märkte besuchen, profitiere von der familiäreren Stimmung, und den niedrigeren Händlerpreisen (die teilweise schon eigene MPS-Preise eingeführt haben, weil sie sonst die offenbar horrenden Standgebühren nicht mehr zahlen konnten).

Mal sehen. Vielleicht lernen die Verantwortlichen des MPS nun aus dem Debakel, und passen sich in Zukunft etwas mehr den zu erwartenden Gegebenheiten an, oder ich komm da einfach nicht mehr hin. So.