Simon Szustkowski

Ein Blog über alles, was mir gerade so durch den Kopf geht

May 17, 2017

Darum ist WLAN im Nahverkehr verdammt notwendig

Heute morgen trudelte bei mir über Twitter ein Post von @bloggendebahner ein: Darum ist WLAN im Nahverkehr gar nicht notwendig.

Ich möchte diesem Post widersprechen, und das in einem Umfang, dass ich keinen Kommentar darunter setze, sondern hier lieber auf meinem eigenen Blog antworte.

Wir schreiben das Jahr 2016 und die Deutsche Bahn kann lediglich im Fernverkehr mit vielen Einschränkungen ein gutes WLAN anbieten. Gründe dafür findet ihr hier. Auch das Mobilfunknetz entlang der Strecken reicht für kein Telefonat länger als fünf Minuten.

Bitte einmal im Hinterkopf behalten. Die Bahn scheitert gerade daran, ein zufriedenstellendes WLAN anzubieten, was unter anderem daran liegt, dass das Mobilfunknetz entlang der Strecke, was als Backbone für das WLAN dienen soll, einfach zu schlecht ist. Dem stimmen vermutlich die meisten Bahnreisenden zu. Ob man die Tröpfeldaten aus dem Mobilfunk nun über Mobilfunk selbst bekommt, oder eben als WLAN “konvertiert”, ist ja erstmal egal.

Das neue, im Dezember vorgestellte, Konzeptpapier „Zukunft Bahn“ verrät, dass die Deutsche Bahn bis 2021 das größte WLAN-Netz in Deutschland haben wird. Unter dem Namen „WLAN@DB“ soll es für die Kunden möglich sein, egal ob am Bahnhof, im Nahverkehr oder Fernverkehr, eine konstante Internetverfügbarkeit zu haben. Das Netz soll eine Geschwindigkeit von >0,5 Mbit/s für jeden Kunden garantieren.

Die Bahn möchte also in 4 Jahren ein “WLAN-Netz” anbieten, über das man Geschwindigkeiten erlangt, die vor 10 Jahren im Bereich DSL und Festnetz als veraltet galten, und mittlerweile spöttisch als Dorf-DSL verlacht werden. slowclap

Aus meiner Sicht eine solide Grundidee

Nein. Wenn, metaphorisch, die Abfallprodukte des Betriebes (bei momentan erreichbaren 40MBits über LTE sind 0,5MBits allenfalls als Abfallprodukt zu bezeichnen), großzügig unter die Leute geworfen werden, dann ist das keine solide Grundidee, dann ist das maximal ein Tropfen auf dem heißen Stein, eine Portion für den hohlen Zahn.

Die Angebote werden für die Kunden noch attraktiver. Das heißt: Mehr Datenvolumen für das gleiche bzw. sogar weniger Geld. In Norwegen bekommt man heute schon einen Datentarif mit 80 GigaByte für umgerechnet 80€. Auch in Deutschland wird dieser Fall, zumindest in den nächsten fünf Jahren, eintreten. Wir sprechen hier immerhin von 1 GigaByte für 1€.

Stabile Leistung, Norwegen mit Deutschland zu vergleichen, was Netzausbau und mobile Datentarife angeht. Aber extrapolieren wir das mal: Vor gut 10 Jahren, als mit der Markteinführung des iPhones die ersten mobilen Datentarife auf den Markt kamen, kosteten 300MB um die 40€ pro Monat. Klar, da war die Subventionierung eines Flaggschiff-Handys mit inkludiert. Jetzt, 10 Jahre später, bekommt man z.B. einen Vertrag mit dem aktuellsten Samsung Galaxy für 47€/Monat (Telekom MagentaMobil S, Telekom deshalb, weil das iPhone vor 10 Jahren ebenfalls ausschließlich über die Telekom vertrieben wurde, und die Telekom auch er Haus- und Hof-Provider der Deutschen Bahn ist). Für diese 47€ bekommt man das großzügige Inklusivvolumen von 1GB. Sprachen wir also vor 10 Jahren von 120€ pro GB, sprechen wir heute nur noch von 47€ pro GB. Das sind nur noch 40% der “Originalkosten”. Bleiben wir bei diesem Preisverfall, kostet das GB in 10 Jahren also nur noch 15,6€, in 20 Jahren nur noch 6€ und in 30 Jahren nur noch 2,34€. In 40 Jahren, also ein halbes Jahrhundert nach Einführung des ersten iPhones, wird dann der Preis endlich unter den magischen Wert von 1€/GB fallen, namentlich auf 0,91€. Nicht mit in Betrachtung gezogen sind die bis dahin vermutlich neu aufkommenden Techniken, die LTE irgendwann ablösen werden. 4G, 5G, 6G. Natürlich wird sich das große T sämtliche Technologieupgrades wieder fürstlich bezahlen lassen.

Doch ich bin mir sicher, dass das WLAN im Nahverkehr, durch die rasante Entwicklung der Mobilfunkanbieter mit ihren Angeboten, zur Nebensache wird. Warum sollte ich als Bahn-Kunde mit einer Internetgeschwindigkeit von >0,5 Mbit/s surfen, wenn ich mit meinem mobilen Internet mindestens 10 Mbit/s bekomme.

Hmhm. Wieso sollte man auch davon ausgehen, dass die Bahn auch in 40 Jahren immer noch nur homöopathisches Internet in ihren Zügen anbietet, obwohl bis dahin der Preis pro Gigabyte so günstig geworden ist? Wenn ich ganz spitzfindig sein möchte, kann ich auch noch anführen, dass sich mindestens 0,5MBit/s und mindestens 10MBit/s sich ab einer Geschwindigkeit von 10MBit/s nicht mehr ausschließen, und falls dann die Telekom doch noch schneller sein sollte als das Mobilfunknetz des Fahrgastes…böse Zungen könnten natürlich behaupten, dass die Telekom dann die Geschwindigkeit vermutlich künstlich drosseln könnte, aber das würde so ein toller und zuvorkommender Provider wie die Telekom natürlich nieeee machen.

Schon heute brauche ich kein WLAN im Nahverkehr, da die Telekom auf meinen Strecken eine sehr gute LTE Verfügbarkeit anbietet.

Ach, eh. Hieß es nicht am anfang noch, dass die großflächige Versorgung mit WLAN nicht so wirklich toll voran kommt, weil die Mobilfunkabdeckung entlang der Bahntrassen noch nicht so geil sei? Und was ist eigentlich mit den Fahrgästen, die den in Firmendeutschland wohl undenkbaren Schritt gemacht haben, und bei einem Provider Kunde sind, der sich nicht großflächig mit Magentafarbe vollpinselt?

Marie Antoinette sagte einst: “Wenn das Volk kein Geld für Brot hat, dann sollen sie doch Kuchen essen” und verlor später aufgrund eines komplexen Kausalzusammenhangs ihren Kopf, weil diese Einstellung halt nicht so gut ankam.

“Wenn das Volk in der Bahn nur schlechtes WLAN bekommt, sollen sie halt zur Telekom und sich für teures Geld einen ordentlichen Mobilfunktarif besorgen”.

Wie wärs, wenn die Bahn und die Telekom nicht faul herumliegen, mit der Einstellung, dass sich in einem halben Jahrhundert sowieso alles behoben haben wird, sondern vielleicht mal Politik für das hier und jetzt machen?

Interessanterweise kann man die Bahner damit fies ärgern, dass man einfach Parallelen zu autonom fahrenden Zügen zieht. “Wozu noch neue Lokführer einstellen?” “Schon jetzt kann man in Singapur in führerlosen Zügen fahren.” “Bei Autos geht das doch auch schon recht gut.” “Jaaa, JETZT brauchste noch Lokführer, aber in 5-6 Jahren bestimmt nicht mehr”. Einfach mal den Gedanken zu Ende denken. ;)